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jugend creativ Brauchen wir Vorbilder?

By 8. Februar 2016No Comments

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Wofür brauchen wir Vorbilder? Warum messen wir uns so selten an Schwächeren? Wieso verehre ich, wen ich verehre? Für das Portal jugend creativ, dem 46. Internationalen Jugendwettbewerb der Volksbanken-Raiffeisenbanken habe ich mit Kunstwissenschaftler Hans Dieter Huber über Vorbilder gesprochen. Das Interview soll einen Einstieg zum diesjährigen Thema „Helden und Vorbilder“ schaffen, mit dem sich Jugendliche der 1. bis 13. Klasse aus verschiedenen Ländern im kreativen Wettbewerb unter der Schirmherrschaft von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig auseinandersetzen.

Es gibt nicht den einen Experten für Starkult, oder die Fachfrau für Heldenverehrung. Hans Dieter Huber ist ein Kunstwissenschaftler und Autor, der sich mit beidem beschäftigt. Im Jetzt und im Gestern. Er vereint Kunst, Philosophie und Soziologie, wenn er jetzt mit mir über unser Thema spricht.

Herr Huber, ist Heldenverehrung irgendwie relevant für uns?

Lass uns nicht von Helden sprechen. Wer das Wort „Helden“ nutzt, spricht von Kriegshelden. Solchen, die sich für ihr Vaterland geopfert haben, und solchen, die zur politischen Instrumentalisierung eingesetzt wurden. Das ist sehr militärisch gefärbt. Lass uns deshalb lieber von Vorbildern reden. Oder von Stars meinetwegen.

In Ordnung. Haben die Menschen in der Antike auch schon Stars verehrt? Oder ist das ein Phänomen der Neuzeit?

Die Menschen haben sich schon immer Vorbilder gesucht. Das geht einher mit der Entwicklung der Medien. Als die ersten Texte und Schriften über Menschen entstanden, war ein neues Medium geschaffen, das auch für die Identifizierung mit Vorbildern genutzt wurde. Anweisungen für ein besseres Leben wurden verbreitet. Ganz früher ging das hauptsächlich über Mundpropaganda und Erzählungen.

Über Karl den Großen wurden schon zu dessen Lebzeiten Biografien angefertigt. Das war Kultbildung mit dem Beigeschmack politischer Beeinflussung. In der römischen Antike gab es auch schon Texte mit moralischer Vorbildfunktion. Mit fällt der Bericht über den Gallischen Krieg von Julius Cäsar ein, wo er sich ja selbst als Vorbild mystifiziert. Das ist ein gutes Argument, um die Leute auf Linie zu bringen. Schaut mal her, wie toll ich bin. (…)

Entscheide ich nicht selbst, wer meine Vorbilder sein sollen?

Auch, ja. Cäsars Selbstinszenierung nutzt nichts, wenn sie nicht von anderen angenommen wird. Auch im Führerkult kennen wir diese Selbstinszenierung. Das Wort „Führer“ sagt ja schon alles.

Wie sieht das bei Jugendlichen aus? Bei mir hingen früher Fußballer und Popstars an der Wand, keine Feldherren.

Da stoßen wir auf ein grundlegendes, soziologisches Problem: Den Jugendlichen „an sich“ gibt es ja gar nicht. Das junge Alter sagt nicht viel darüber aus, wie wir drauf sind. Der klassischen Soziologie zufolge kann man Menschen in verschiedene Schichten einordnen. Der Bildungsgrad, der Beruf und das Einkommen spielen da eine Rolle. Aber nicht nur. Stell dir mal zwei Personen vor: beide männlich, beide Mediziner. Ihre ästhetischen Präferenzen und Abneigungen sind trotz gleichen Bildungsgrades, Berufs und Einkommens unterschiedlich. Der eine liebt klassische Musik, der andere Death Metal. Wir brauchen also andere Kategorien: Gemeinsamkeiten im Lebensstil, gemeinsame Feindbilder. Es gibt eine interessante Studie von 2011: „Wie ticken Jugendliche?“. Dort wurden die Jugendlichen in sieben Milieus eingeteilt, innerhalb derer sie sich moralische Vorbilder suchen. Die drücken sich aus in: Kleidung, Habitus, Einrichtung des Kinderzimmers. Hoch signifikant! Die Milieus sind sehr stabil, haben sie herausgefunden. Wer auf Chancengleichheit und ein ökologisches Gleichgewicht steht (und damit ins sozial-ökologische Milieu passt), wird sich kaum kapitalistischen Großinvestoren zuneigen. Eher werden die zu seinem Feindbild, das er mit denen teilt, die in seinem Milieu einen ähnlichen Lebensstil leben. Sie gleichen sich in ihren Vorstellungen – und haben dieselben Vorbilder und dieselben Abneigungen.

Was macht jemanden zum Idol? Was hat Gott, was Justin Bieber nicht hat?

Authentizität. Glaubwürdigkeit. Das Gerüst muss nachvollziehbar und stabil aufgebaut sein. Gott selbst ist konstruiert. Auch die Konstruktion einer authentischen Kulisse lässt sich verehren. Sie deckt sich mit den Werten, die uns vermittelt wurden. Wir wünschen uns immer dann die Glaubwürdigkeit zurück, wenn etwas unglaubwürdig geworden ist. Das Wort „echt” funktioniert nur vor dem Hintergrund des Falschen. „Ein echtes Erlebnis!“ Wir wollen Vorbilder, die uns wieder Glaubwürdigkeit bieten. Politiker sagen, sie geben einem ihr Ehrenwort. Das ist oft gelogen. Wenn jemand lügt, sieht man häufig einen verstärkten Lidschlag, ein nonverbales Zeichen, dass man seiner Aussage nicht trauen kann. Wir sind die Wahrheitskommission, die entscheidet, ob wir ihnen trauen und sie zu unseren Vorbildern machen – oder nicht.

Wozu brauchen wir Vorbilder?

Erstmal brauchen wir Routine. Regelmäßigkeit gibt uns Sicherheit. Unsere gesellschaftlichen Rituale und Traditionen bauen auf dieser Routine auf. Wenn irgendetwas nicht mehr funktioniert, irritiert uns das. Routinen geben verlässlich Auskunft über Funktionierendes, über Normatives. Vorbilder vertreten das, sie bestätigen die Normen, bekräftigen, dass die Regeln der Gesellschaft funktionieren. Wenn ich es geschafft habe, schaffst du es auch. Oder: Ich halte mich an die Regeln und bin Vorbild für die, die sich auch daran halten wollen. Wenn aber ein Jugendlicher irritiert ist und nicht mehr weiß, an wen er sich nun halten kann und soll, muss er andere Strategien einsetzen.

Welche sind das?

Unterschiedlich. Oft denkt man viel nach, vergleicht, kritisiert und lehnt ab. Manche schließen sich dann einer Bürgerbewegung oder einer Partei an. Sie sind unzufrieden, alles ist beschissen. Aber sie identifizieren sich mit Linken, Neonazis oder Ökos. Die haben auch irgendwelche Werte, die Kulisse scheint stabil. Das bringen viele zum Ausdruck, mit oberflächlichen Parolen und einer bestimmten Kleidung als Zeichen.

Sind Vorbilder also gefährlich?

Jeder hat Vorbilder. Gefährlich ist es nur, ihnen blind zu folgen.

Tausend Poster an der Wand und lange Reisen, um seinen großen Star einmal live zu erleben. Was ist normal – und ab wann wird Starkult zum Risiko für Beteiligte?

Ich erinnere an Marmorgräber, zu denen Menschen Wallfahrtsprozessionen unternehmen. Jeden Tag sind hunderte Menschen dort. Die halten ihre Hand auf das Grab, jeder fasst da mal an. Heiliger Antonius! Ein ähnlicher Effekt bei der Harry-Potter-Premiere in London: Tausende sind gekommen, um dabei zu sein, auch wenn sie ihre Stars nur aus großer Entfernung sehen. Das hat ein bisschen was von einem Fetisch. Aber eine Gefahr leite ich daraus nicht ab.

Was sind Ihre Vorbilder?

Meine Vorbilder haben sich mit der Zeit verändert. Ich glaube, das ist normal. Ich bin jetzt 62 Jahre alt und bin durch verschiedene Phasen gegangen. Oft hatte ich meine Vorbilder nur solange, bis ich sie persönlich kennengelernt habe. Dann war der Zauber weg. Bob Marley war mir sehr wichtig. Beinah hätte ich ihn einmal kennengelernt. Vielleicht ist es also gut, dass das nicht geklappt hat.

Hier geht’s zum Interview in voller Länge.

© 2020 Gustav Beyer