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throwback — Kenn dein Limit: Einfach mal anstoßen

By 11. November 2016No Comments

kenn-dein-limit-blog-logo11ERSCHIENEN AM 28.11.2013 auf blog.kenn-dein-limit.info

Auf die Liebe, auf das Leben, auf die Freundschaft: Ein Psychologie-Student hat mich bei Konstantins WG-Party aufgeklärt, auf was manche so „anstoßen“ und was sie damit eigentlich sagen wollen.

Die Erleuchtung kam gegen Mitternacht. Das Bier hatten wir beiseite gestellt. Mona stand allein in der Mitte des Raumes, um die Sektflasche zu öffnen. Wir standen an der Wand und schützten uns konzentriert, weil es immer Verletzte gibt, wenn Mona eine Sektflasche öffnet. Mit einem lauten Peng schoss der Deckel dann in Konstantins Gesicht, vier Minuten nach Mitternacht hatte jeder ein Glas Sekt in der Hand. Den Countdown konnten wir uns jetzt schenken, Konstantin war seit vier Minuten 22 Jahre alt. Alle grinsten breit, manche applaudierten, viele wollten Konstantin küssen. Wir stießen auf Konstantin an, auf seine Gesundheit, sein Leben, all das, was eine*m im angetrunkenen Zustand so einfällt. Bis Marius dann kurz um Aufmerksamkeit bat.

„Wisst ihr eigentlich, wieso ihr hier anstoßt? Ihr macht das nur, um euer eigenes Elend besser zu ertragen und eure erbärmlichen Geschichten schönzutrinken. Nichts davon ist wirklich ehrlich gemeint. Anstatt Konstantin zu feiern, sucht ihr einen Grund, euch zu betrinken. Hätte Konstantin nicht Geburtstag, wäre es vielleicht die Fußmatte, auf die ihr anstoßt, oder die Kaffeemaschine. Hauptsache, ihr habt ein Glas in der Hand, hm?“

Er hat daraufhin sein Sektglas abgestellt und ist gegangen. Unsere Unterkiefer haben wir erst wieder hochgekriegt, als die Tür im Treppenhaus hinter ihm ins Schloss gefallen war.

Marius studiert Psychologie im 4. Semester, deswegen hat es niemand gewagt, dem „großen Meister der Analyse menschlichen Verhaltens“ laut zu widersprechen. Die meisten haben sich ihren Teil gedacht, dementsprechend mäßig war die Stimmung. Wir kippten unseren Sekt und machten mit Bier weiter: „unser eigenes Elend ertränken“.

Am nächsten Tag habe ich gleich beim Frühstück nach einem wissenschaftlichen Beleg für diese These gesucht – und keinen gefunden. Der Brauch des Anstoßens geht auf’s Mittelalter zurück. Damals haben die Menschen ihre Trinkgefäße so energisch gegeneinander geschlagen, dass der Wein vom einen Glas ins andere geschwappt ist. Mit diesem Ritual wollten die wohl verhindern, sich gegenseitig zu vergiften.

Was davon übrig geblieben ist, ist eine Geste, die inzwischen einen anderen Sinn hat: Alle anderen wahrzunehmen, sich anzuschauen, sich auf eine Sache zu konzentrieren, sich des Anlasses bewusst zu werden, und eine positive Stimmung zu erzeugen. Das finde ich gut. Ich stoße gerne an. Nicht ständig, aber gern.

Die erbärmliche Geschichte – davon bin mittlerweile überzeugt – hat Marius geliefert. Vielleicht hat er ja recht, auf den Einzelfall bezogen, hier und da. Aber einer Partygesellschaft ein armseliges Leben zu diagnostizieren, wenn die gerade ihren stimmungsmäßigen Höhepunkt erlebt, das geht schief. Denn wo gelacht wird, geht es den Leuten gut.

Marius hat übrigens gerade eine Bestnote für seine Seminararbeit bekommen. Wir werden in ein paar Tagen darauf anstoßen. Auch auf die Gefahr hin, dabei einen Sektkorken ins Gesicht zu bekommen.

Diskussion hier, weitere Beiträge auf dem Kenn-dein-Limit.info-Blog (powered by Minax Intermedia für die BZgA zusammen mit PKV) hier.