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reif Magazin Lernt man im Studium, wie Menschen ticken?

By 21. November 2015No Comments

reif_coverDieser Artikel ist im reif Magazin 07 erschienen. Den ganzen Text lest ihr hier. Außerdem könnt ihr euch das reif Magazin kostenfrei bestellen oder hier online durchblättern.

Johannes „John“ Kiel ist Game Designer und Producer. Sein Traumberuf. Der Weg dorthin verlief ziemlich kurvig. Und irgendwo doch konsequent.

Game Designer sein ist manchmal wie Achterbahn fahren. Aber du bestimmst den Kurs. Das ist das, was andere Medien nicht können: Erfahrungen generieren. Der Spieler steht vor schwierigen Entscheidungen, wird die Konsequenzen seines Handelns spüren, lernt dabei viel über sich und andere – und du als Game Designer steuerst diesen Prozess. Du musst wissen, wie die Spieler denken, um sie zum richtigen Zeitpunkt zu überraschen. Das setzt Menschenkenntnis voraus und Führungsstärke.

Ich zocke, seit ich klein bin. Mit 13 Jahren stoße ich auf ein revolutionäres Angebot: Den Egoshooter ‚Half-Life’ kann ich nicht nur zocken, ich kann auch eigene Levels kreieren und modifizieren, meine Visionen verwirklichen. Ich selbst als Designer meines eigenen Spiels? Das fesselt mich. Bloß – welchen Bildungsweg wählen, wenn es gar keinen gibt? Inzwischen wird Game Design als Studiengang an einigen Hochschulen angeboten, auch in Deutschland. Aber lerne ich da, wie Menschen ticken?

reif-johannesMein Lebenslauf passt nicht auf eine DIN-A4-Seite. Ich habe Theologie und Philosophie auf Lehramt studiert. Und abgebrochen. Ich habe Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt verkauft und mir als Taxifahrer was dazuverdient. Bei alldem habe ich viel über Menschen gelernt. Parallel dazu habe ich aber immer Spiele entwickelt und Kontakte in die Games-Branche geknüpft. Auf der ‚Making Games Talents’ entdeckten mich Mitarbeiter eines sehr coolen Unternehmens im Bereich Browser- und Online-Spielentwicklung. Ich machte ein Vollzeit-Praktikum. Es lief gut. Eine Zeit lang arbeitete ich an Browserspielen. Das machte Spaß, aber die Grundhaltung nervte mich: Du musst Frustrationen ins Spiel einbauen. Momente, an denen der Spieler nicht mehr weiterkommt und die Frustration nur überwinden kann, wenn er Gadgets kauft. Nach einer Weile bin ich raus.

Ich half ein Theaterprojekt auf die Beine zu stellen. Game Design in der Realität. Als Co-Regisseur arbeitete ich mit 30 Darstellern auf zwölf Bühnen, die über vier Etagen verteilt waren. Die Leute sollten die Handlungen beeinflussen, Erfahrungen sammeln. Was für eine Spannung im Publikum!

Danach habe ich als Game Designer angefangen. Der Beruf ist stressig. Akribisch wird auf jedes Detail geschaut. Es ist kein Zufall, dass bei Super Mario ein Sprung anderthalb Sekunden dauert. Da wurden Tests gemacht! Aber die Branche ist auch warmherzig. Alle duzen sich. Wenn wir Abwechslung brauchen, gehen wir am Kickertisch zocken. Und die Branche ist bunt: Da arbeiten Journalisten, Anwälte, Buchhalter.

Natürlich könnte ich woanders mehr Geld verdienen, aber das hier ist mein Traumberuf. Ich habe mich viel durchs Leben treiben lassen, in der Games-Branche fühle ich mich zu Hause. Mich fasziniert das Medium Spiel. Auch Schach wurde von Game Designern mitentwickelt. Oder Fußball: Wie viele Spieler dürfen mitspielen, wer darf den Ball mit den Händen berühren, was ist eine Ecke? Die Regeln, sogar die Kleidungsvorschriften… Alles von Game Designern gemacht! Und Anfang des Jahres ist das erste Spiel auf dem Markt erschienen, das ich als Producer komplett begleitet habe. Was für ein tolles Gefühl!“