— GUSTAV BEYER

Die Spitzhacke

trollmine

Der kleine Troll packte fröhlich seine Arbeitsklamotten zusammen: den Schlägel, das Bergeisen, seine Spitzhacke, stabile Stiefel und ein Vollkornbrot. Heute war der große Tag gekommen. Gemeinsam mit den Jungs sollte die Jagd auf das Erz beginnen. Die Trolle im Land träumten von ewigem Reichtum und Anerkennung der Frauen.

Doch heute hatte der kleine Troll schlecht geträumt. Der Vollmond muss gerade am höchsten Punkt des Himmelszeltes gestanden haben, als der kleine Troll sich maulend im Bett wälzte und Schweißperlen sich in das Bettlaken frästen, das er vor gerade einmal vier Jahren zuletzt gewaschen hatte.

So hatte er sich das nicht vorgestellt.

Vor ihm und den Jungs lag das schönste Mineralgemenge in so prächtiger Menge, dass man eine Spitzhacke von der Größe eines Wolkenkratzers daraus bauen könnte, wöllte man dies, und die Qualität war vom allerfeinsten. Doch irgendwie schien es dem kleinen Troll, es gehe den Befehlhabenden gar nicht um das Erz.

Ein Befehlshabender kratzte mit seinem Finger an der Wange des Trolls, eine Schmutzschicht in Fingernagelbreite löste sich teilweise. Ein anderer Befehlshabender schüttelte nur beschämt den Kopf und vergrub denselben in seinen Händen.

„Deine Seife steht wohl auch nur zur Zierde in deinem Bad, oder was?“, meckerte der eine.
„Es reicht nicht, wenn du dir nur vorne Gel in die Haare machst, wie sieht denn das aus, da muss überall Gel rein“, schimpfte der andere.
„Zieh dir mal was Vernünftiges an“, ein dritter.
„Hast du keinen Kamm um dir dein verfilztes Borstenfell zu kämmen?“
„Du solltest den Schlägel lieber nutzen um deine verwachsenen Fingernägel zu kürzen!“

Der Troll wich zurück, schaute abwechselnd den einen, den anderen und den dritten und vierten und fünften Befehlshabenden an. In seinem Tränensack bildete sich Flüssigkeit. Der kleine Troll wollte schreien, doch ihm entwich kein Laut. Sein Mund war weit aufgerissen, die Kehle erschreckend sichtbar und einen Kilometer weit zu riechen, doch zu hören war da nichts. Da veränderten sich plötzlich die Proportionen der Befehlshabenden, sie wurden kleiner und kleiner –

und da wachte der Troll, wie eingangs erwähnt, schweißgebadet auf.

So ein blöder Traum, dachte er sich. Außerdem: Hatte er jemals einen Kamm besessen? Bestimmt nicht! Nur mit Mühe schaffte er es, sich noch einmal umzudrehen.

Als der Sonnenaufgang vorbei war und die Sonne den Morgenhimmel in ein hellrosanes Licht tauchte, schlurften der kleine Troll und die Jungs zur Mine. Ein dicker Esel trug ihre Bündel. Der Weg war voller Gefahr, an jeder Wegesecke lauerte der Tod. Sollten sie die Mine jemals klopfenden Herzens erreichen, würden sie für immer Freunde sein, dachte sich der Troll.

Dann erreichten sie endlich die Mine.

Der Troll erschrak, als er den ersten Befehlshabenden am Mineneingang sah.
Er blickte grimmig drein, der Stern funkelte auf der Brusttasche seiner Lederjacke. Doch alles im Troll zog sich zusammen, als er erblickte, was der Befehlshabende in der Hand hielt.

Eine Nagelfeile!