— GUSTAV BEYER

Die Melange

Wolken

Der kleine Troll kehrte fröhlich den kleinen Weg vor dem Eingang seiner Höhle. Heute war der große Tag gekommen. Voller Vorfreude säuberte der kleine Troll dieselben Stellen schon zum dritten oder gar zum vierten Mal, in freudiger und gleichwohl nervöser Erwartung des Briefträgers. Jeden Moment musste er um die Ecke kommen.

Der kleine Troll malte es sich seit zwei Tagen aus: Er auf der großen Titelseite. Eine Überschrift, so groß wie seine eingerissenen Fingernägel, rot unterstrichen, ihn in den höchsten Tönen lobend. Ein Leitartikel über den Werdegang des großen kleinen Trolls. Was hat Sie motiviert, diesen Weg zu beschreiten, kleiner Troll, würde es heißen. Mit großer Hingabe bestaunen wir das Werk von niemand geringerem als unserem kleinen Troll, würde es heißen.

Auf dem Weg vor dem Höhleneingang: Sabberspuren. Da, ein Pfeifen! Das musste der Briefträger sein!

Wie ein kleiner Troll hüpfte der kleine Troll vom einen Bein aufs andere. Alles im Troll zog sich zusammen.

Eine gelbe Jacke flatterte hektisch des Weges entlang. Drin: Eine Briefträgerin! Wie der kleine Troll sich freute.

Er rannte auf die Briefträgerin zu, umarmte sie, küsste sie, leckte sie mit seiner Zunge ab und biss ihr vor Freude in die Nase. Die Briefträgerin ging wieder. Der Troll nahm die Zeitung und las sie noch draußen vor der Höhle.

„Eine Melange des Dilletantismus“, lautete die Titelzeile.

Der Troll erschrak.

„Beim diesjährigen Malwettbewerb der Volksbanken-Raiffeisenbanken unter dem Motto Frühlingserwachen nahmen zwei Teilnehmer teil. Der kleine Troll bewarb sich mit einem grässlich darniedergerotzten Stück Papier, das einer Erwähnung nicht würdig ist. Die Linien unsauber geführt, über die Linien gemalt, viele Flächen einfach weiß gelassen: Das traurige Resultat dieses Wettbewerbsbeitrags treibt dem Betrachter Tränen in die Augen. Es ist eine Melange der Talentlosigkeit und einer abstoßenden Form von Zeitverschwendung für beide Seiten. Kurz gesagt: sehr, sehr schlecht.“

Der kleine Troll kauerte am Rand seiner Höhle und weinte ganz leise. Ein bisschen Rotze lief ihm aus der Nase, er schluckte und der Himmel verdüsterte sich über ihm.

Er konnte kaum weiterlesen.

„Zum Glück gab es noch einen weiteren Teilnehmer. Dieser kredenzte einen vollendeten Genuss kunsthafter Edelware. Das Goldstück der erlauchten Zeichensparte suchte seinesgleichen. Es wird bei der morgigen Preisverleihung mit dem wohl verdienten ersten Platz ausgezeichnet und mit einer Ehrenurkunde bedacht.“

Der Troll keuchte vor lauter Kummer, er stieß Schreie aus und krümmte sich, als er las: „Der Sieger des Wettbewerbs ist … unser König!“

Er zerknüllte den Zeitungsartikel und stapfte wutentbrannt in die Höhle. Da kam es seiner Laune zugute, dass just in dem Moment ein kleiner Fetzen der Zeitung an seinen Fingern kleben geblieben war, die er nach der Schlachteplatte um elf noch nicht wieder gewaschen hatte.

„Impressum“, stand da.

Und: „Autor aller Artikel: der König.“