— GUSTAV BEYER

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salut bucurești — hallo bukarest

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Vous aurez du mécanique dans du vivant, vous aurez du comique: Komik entsteht auf der Fallhöhe zwischen dem Lebendigen und Mechanischen. Ist eine Theorie, die ein weiser, inzwischen toter Philosoph namens Henri Bergson zu Beginn des letzten Jahrhunderts formuliert hat und auf die sämtliche komikbehaftete Werke in Literatur, Film und Theater Bezug nehmen. So sind Geschichten aufgebaut, Theaterstücke und – kaum verwunderlich – auch besonders aufregende Momente im Leben. Statuswechsel bringen Spannung ins Spiel.

Vom Mechanischen ins Lebendige: Letzte Woche habe ich einen solchen Statuswechsel in der entgegengesetzten Richtung beobachten dürfen. Die Elftklässler*innen sind wieder da! Während zu Beginn meiner Einsatzzeit in Bukarest noch so manche Stunde eher zäh verlief und wenig Anreiz zum Mundaufmachen da war (ich berichtete), sind jetzt – ausgerechnet jetzt, kurz vor Ende des Schuljahres – einige Schüler*innen richtig aufgetaut. Noch vor zwei Wochen habe ich mir Sorgen gemacht, dass ihr Puls irgendwann aufhört zu schlagen! Es hat ihnen teilweise die Motivation und Energie gefehlt, die Bildschirmsperre auf ihren Smartphones zu überwinden! Und jetzt: Lachen, Spielen, Herumspringen – in einem fast ausverkauften Klassenzimmer!

Ganz schöne Action im Klassenzimmer und auf dem Schulhof!

Eine der zentralen Ursachen für diese Sinneswandlung ist weniger der nahende Ferienbeginn als: Impro-Theater. Damit habe ich letzte Woche endlich begonnen und siehe da: Menschen sind fürs Spielen wie gemacht, und dass man Elftklässler*in ist, muss noch lange nicht heißen, dass man keine Interessen mehr haben oder zeigen darf.

Mit diesen Spielen taut ihr jede DaF-Klasse innerhalb von Minuten auf*:

Klatschkreis: Bringt den Puls derjenigen runter, denen bei der Bekanntgabe des Stundenthemas vor Schreck die Augäpfel rausgefallen sind, weil sie dachten, sie müssten jetzt eine perfekte Performanz abliefern. Und den Puls der ganzen Gruppe rauf. Ist geeignet als lockerer Einstieg in die Materie und trainiert, Signale nicht irgendwo an den Raum zu verlieren, sondern konzentriert seinen Nachbar*innen zu schenken. Varianten: rechts zack, links zick, quer boing – if you know what I mean.

Whiskeymixer: Besonders unterhaltsam für Menschen, die ohnehin schon Ausspracheschwierigkeiten im Deutschen haben. Die werden jetzt ad absurdum geführt. Es gehen klatschkreis-ähnlich herum: der Whiskeymixer und die Wachsmaske. Der „Messwechsel“ ändert Wort und Richtung. Im zweiten Level ist Lachen verboten – und wer einen Fehler macht, wird mit einer Runde Dauerlauf um den Kreis herum und dem Hohn der Gruppe bestraft. Witzig wird’s vor allem dann, wenn man als deutschsprachige*r Spielleiter*in endlich das Geheimnis lüftet, warum man die ganze Zeit so verstohlen grinst, wenn wieder jemand versehentlich „wichsen“ gesagt hat…

impro2 Sie ist der Baum.

Ich bin der Baum: Klassiker im Improtraining, DaF-freundlich und unheimlich gut im Schulkontext geeignet, um sich von Mantras wie „Öffne das Buch auf Seite…“ zu lösen. Die Schüler*innen stehen nach wie vor im Kreis. Eine Person springt rein und sagt z. B. „Ich bin der Baum.“ Eine nächste springt impulsiv dazu und sagt z. B. „Ich bin der Hund, (der an den Baum pinkelt.)“ Eine dritte: „Ich bin die Sonne, (die auf den Baum scheint.)“

Das Sprachniveau bestimmen die Schüler*innen selbst und es finden prozessbezogen keine Korrekturen statt. Person 1 sagt dann, welche Person sie wieder mit zurück in den Kreis nimmt („Ich nehm‘ die Sonne mit.“) und das Spiel geht mit der im Kreis verbliebenen Person von vorn los. Kann man also unendlich spielen oder bis es klingelt.

impro5Dieses Spiel haben die Schüler*innen selbst vorgeschlagen: „Ninja“ heißt es, und man schlägt sich dabei auf die Finger. Sehr unterhaltsam.

Hey, Babe: Für dieses unfassbar auflockernde und lustige Spiel, das ich 2009 bei Beate Wieser am Theater Fletch Bizzel in Dortmund liebengelernt habe und nie vergessen werde, müssen die Schüler*innen Text auswendig lernen. Machen sie aber gern, wenn sie ihn zum ersten Mal hören. Mehrmals choral durchsprechen und darauf achten, dass er bei allen einigermaßen sitzt. Der Textrhythmus hilft.

A sagt: Hey Babe, ich liebe dich, Babe. Und wenn du mich auch liebst, Babe, dann schenk mir ein Lächeln.
B antwortet: Hey Babe, ich liebe dich auch, Babe. Aber ein Lächeln, Babe, bekommst du von mir nicht.

Und dann steht Schweinchen A in der Mitte und muss eine*n Schüler*in im Kreis von seiner Liebesgunst überzeugen, bzw. zum Lachen bringen. Gelingt das, wird getauscht – ansonsten wird weiterprobiert. Erfahrungsgemäß führt dieses Spiel zu tränenreichen Unterbrechungen und fest zusammengeschweißten Gruppen.

Ich werde das alles noch ein bisschen fortsetzen und didaktisch begründen und vielleicht sprecht ihr mich einfach direkt an, wenn ihr Fragen habt, das auch ausprobieren möchtet oder mehr Spiele kennenlernen wollt.

*Voraussetzung ist vielleicht, dass ihr auch wirklich hinter den Spielen und ihren Aussagen steht – und selber mitmacht. So wissen die Schüler*innen, sie machen sich nicht alleine zum Horst, sondern auch dieser Deutsch-Typ da vorne…

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Geht immer: Entspannen am See im Herastrau-Park!

Was sonst so passiert ist: Ich war bei den Dreharbeiten zu einem neuen Disney-Märchenfilm dabei! Quatsch, war ich natürlich nicht. Aber auf dem Abschlussball – auf neudeutsch: Prom – der Zwölftklässler*innen bin ich nur zauberhaft bekleideten Prinz*essinnen begegnet. Das war der Wahnsinn! Die rumänischen Schüler*innen wissen, wie man perfekte, elegante und anmutige Abschlussbälle zelebriert. Ich habe mir dafür extra noch ganz schnell einen Anzug besorgt und mich in Schale geschmissen. Wer mich kennt, weiß, dass das ein ausgesprochen ungewohnter Anblick ist.

Auf dem Ball in einer zentralen, edlen Partylocation gab tolles Essen, tolle Musik, viele tolle Gespräche – und die Atmosphäre war nicht nur beim klassischen Tanzen, sondern auch bei den traditionellen rumänischen Gruppentänzen (ich berichtete vereinzelt) allererste Sahne. Ich schicke oder verlinke euch Fotos, sobald ich sie habe!

So einen Zwölferabschlussball könnte ich jetzt jede Woche mitmachen. Und in der Tat sieht man gerade fast täglich (auffallend viele) wunderhübsche junge Menschen in Bukarest, die in Limousinen oder Taxis auf dem Weg zu ihrem Ball sind. Übernächste Woche steht dann noch das Abschlussfest unserer Achtklässler*innen an, darauf freue ich mich natürlich auch schon.

Dann habe ich noch bei einer Schatzsuche durch den Cișmigiu-Park mitgemacht. Die wurde vom Student*innenverein Gutenberg und einigen Coșbuc-Schülerinnen organisiert. Das war ziemlich witzig, ein bisschen verrückt und mein Team hat natürlich den Schatz gewonnen. (Unter fairen Bedingungen, da die Aufgaben für Muttersprachler*innen und DaZ-Lerner*innen gleich schwierig zu lösen waren.)

Auf der Schatzsuche. Foto: Gutenberg-Verein

Ich melde mich bald wieder mit noch mehr Worten zum aktuellen Geschehen, besonders, was die neue Schulzeitung betrifft. Ein erstes Interview mit mir, das für dieses Magazin entstanden ist, findet ihr weiter unten hier im Blog. Erfahrungsgemäß überschlagen sich Ereignisse ja zum Schuljahresende und ich habe schon zu einer Kollegin gesagt, dass ich oft das Gefühl habe: Wenn ich einer Sache zusage, verpasse ich drei andere. Es passiert also mehr, als auf diesen Blog passt und die ganzen Geheimnisse erfahrt ihr ja eh nur von mir ganz persönlich und im Flüsterton.

Sommerliche Grüße nach Deutschland und in die weite Welt!

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In dieser Woche habe ich mit einem Schüler begonnen, das neue Schulmagazin ins Internet zu verfrachten. Im Prüfungs- und Lernstress braucht das natürlich seine Zeit. Hier findet ihr schon mal ein Interview, das ein paar Schülerinnen mit mir geführt haben:

Salut Bucuresti - gb

Gustav Beyer wollte mit uns seine Erfahrungen teilen, die er gerade an unserer Schule und am Goethe-Institut Bukarest macht. Deshalb hat er unsere Fragen beantwortet.

Wo und was hast du studiert?

Gustav: Ich habe in Leipzig studiert und zwar Philosophie. Bald kann ich in der Grundschule als Lehrer arbeiten. Dort bringe ich Kindern im Alter von ca. 6 bis 11 Jahren Deutsch, Mathematik oder auch Philosophie/Ethik bei. Parallel arbeite ich als Journalist.

Welche sind deine Hobbys?

Ich gehe bouldern und tanze sehr gerne: Contact Improvisation. Da bist du mit anderen Menschen permanent in Kontakt. Wir fallen über- und durcheinander, manchmal mit und manchmal ohne Musik.

Was hat dich motiviert, nach Rumänien zu kommen?

An der Uni lernen wir, dass die Schulsysteme von Land zu Land und Region zu Region ganz anders sind. In Skandinavien soll alles perfekt sein, in manchen asiatischen Ländern das System nicht gut entwickelt. Ich möchte wissen, was dahintersteckt und woran sich Entwicklungsstufen festmachen lassen. Deshalb bin ich mit einem Programm des Goethe-Instituts dabei, das sich an Lehramtsstudierende und Lehrer richtet. Ich möchte schauen, was eure „Probleme“ sind im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht. Ich kann ja schließlich schon deutsch sprechen und deswegen ist es sehr interessant, worüber ihr gelegentlich stolpert und wie ihr diese Probleme löst.

Hier gelangt ihr zur vorläufigen Beta-Version unseres Magazins auf cosbucdeutsch.wordpress.com. Da findet ihr auch ganz viele andere Artikel und Geschichten, die unsere Deutsch-Schüler*innen in den letzten Wochen erstellt haben.

Was sind Unterschiede zwischen dem rumänischen und dem deutschen Bildungssystem?

In Deutschland gehen die Kinder vier oder sechs Jahre lang in die Grundschule und dann splittet sich das: In einigen Bundesländern gibt es die Hauptschule, die Realschulen und Gymnasien. Manchmal auch Oberschulen und Gymnasien – das ist wirklich nicht gerade einheitlich bei uns. Mich hat überrascht, dass ihr keine klassischen „Ausbildungen“ habt wie wir.

Wie feiert man in Deutschland Weihnachten und Ostern?

Es ist sehr ähnlich wie bei euch, da in Deutschland auch viele Christen leben. Ich habe aber noch niemanden gesehen, der mit seinen Eiern angestoßen hat. Wir sagen nicht „Hristos a inviat“. Aber wir haben den Osterhasen (oder die Eltern, pssst…), der Eier für die Kinder versteckt.

Am 24. Dezember feiern bei uns viele Heiligabend. Da kommt das Christkind oder der Weihnachtsmann und es gibt Geschenke! Darauf folgen die Weihnachtsfeiertage. Familien treffen sich und verbringen Zeit miteinander. Im Gegensatz zu Rumänien gibt es bei uns in der Adventszeit davor den Adventskalender. Jeden Tag bis zum 24. Dezember wird ein Türchen geöffnet, dahinter befinden sich meistens Bilder oder Schokolade. Dass sie das bei euch noch nicht eingeführt haben – bei uns bringt das kommerziell echt viel ein!

Was liebst du am meisten an Rumänien?

Ich bin hier jetzt schon seit zwei Monaten. Besonders super finde ich, dass die meisten Menschen hier sehr offen sind. Ich wurde bestens empfangen, weil die Menschen mir sehr herzlich und neugierig und hilfsbereit begegnet sind. Außerdem liebe ich die Natur hier und war schon viel unterwegs. Aber da geht natürlich noch was!

Was ist dein Eindruck von der Cosbuc-Schule?

Witzig: Weil viele Schüler zur Schule gehen und das Gebäude verhältnismäßig klein ist, findet der Unterricht in Vor- und Nachmittagsschichten statt. Das kannte ich so aus Deutschland nicht. Im Lehrerzimmer spreche ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen vier Sprachen: Englisch, Französisch, Deutsch… und ich probiere natürlich auch Rumänisch.

Welchen Rat würdest du dir selbst geben, wenn du noch einmal so alt wärst wie wir jetzt?

Im Rückblick hat es mir oft geholfen, mich positiv und risikobereit an neue Situationen zu wagen. Auch, wenn ich nicht wusste, wie es am Ende wird.

Interview: Ioana Iulya

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Jetzt herrscht Krieg. Allen pazifistischen Grundsätzen zum Trotz: Die nächste Taube, die auf meinen Balkon scheißt, schieße ich mit meiner Sarmale-Kanone ab. Nicht nur, dass diese Viecher nicht vor Hausfriedensbruch zurückschrecken; Seit der Frühling offiziell ausgebrochen ist, haben ein paar besonders extrovertierte Exemplare neben meinem Balkon (da, wo ich nicht rankomme), ein Liebesnest gebaut und vögeln und ächzen was das Zeug hält. 24/7. Da kann ich gar nicht mehr richtig das Hupen, den Straßen- und Baulärm und den rappelnden Aufzug im Treppenhaus genießen!

A pro pos Frühling: Wir haben hier immer noch April (trotz Mai). Es … es … ja, ich kanns gar nicht beschreiben. Es ist jedes Mal anders, wenn ich aus dem Fenster schaue.

Ein berühmtes, überschätztes Mantra der Feedbackgestaltung lautet, man solle erst etwas Positives sagen, bevor man mit dem Schlechten loslegt – ich hab das dieses Mal umgekehrt gemacht, um jetzt nur noch tolle, aufregende und positive Dinge erzählen zu können, die hier in den letzten 2 Wochen passiert sind.


Diese Statue steht vor dem Muzeul Național de Istorie a României. Letztens soll sie von einem ahnungslosen Touristen als „hässlich“ denunziert worden sein, gar als „deplatziert“ und „absonderlich“. Ich dagegen finde sie wunderschön.

Inzwischen weiß ich, wie hier die Straßen heißen. Auch wenn ich sie nicht aussprechen kann. Ich kenne meine Blocks und die der anderen. Ich habe einen umfangreichen Shaorma-Radius ausgehend von meiner Wohnung gezogen und spreche Ur-Bukarestiner*innen Empfehlungen aus, wo es die beste Pizza (innerhalb meines Horizontes) gibt.

Ich habe mit ein paar Freund*innen die meisten existenten Weinsorten durchprobiert, im Dauerregen gepicknickt, Fotos mit viel Blitz gemacht und ein bisschen Donner, und ich habe mehrere Kunst-, Geschichts- und Architekturmuseen besichtigt, damit wir das nicht mehr alles machen müssen, falls ihr kommt! 😉

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Nur eines der zahlreichen künstlerischen Werke unserer Schüler*innen, die die zahlreichen Texte der ersten Ausgabe illustrieren sollen.

In der Schule laufen gerade mehrere heiße Phasen parallel: Auf dem Schulfest übernächste Woche soll die allererste Ausgabe der neuen Schulzeitung präsentiert werden! Dafür müssen natürlich Texte, Bilder und Layout produziert werden. Ich lasse produzieren und bin schon sehr gespannt, was meine ebenfalls gespannten Deutsch-Kolleginnen und ich da nächste Woche zur Korrektur vorgelegt bekommen. Das gesamte Magazin wird deutschsprachig sein und bildet eine Brücke zu anderen Schulen, die ebenfalls im PASCH-Netzwerk deutschsprachige Zeitungen mit lokalem Schwerpunkt erstellen.

Die Texte sind überwiegend bezaubernd. Weil das große Thema „die vier Jahreszeiten“ ist, lesen wir über den Einfluss des (meteorologischen – und sozialen) Klimas auf die Kunstgeschichte, über die verrrücktesten Sommermode-Auskopplungen, von einem philosophischen Streitgespräch über die Konkurrenz der Jahreszeiten untereinander und den Sonderstatus des egozentrischen Winters in der Jahreszeiten-WhatsApp-Gruppe… und natürlich viel über das Topthema der Zehnt- bis Zwölftklässler*innen: Herzschmerz. Ein Interview mit mir gibt’s auch. Ihr dürft gespannt sein, ich werde natürlich berichten.

Und dann hat das Projekt „FOKUS pe GERMANA“ ein wundervolles Theaterstück präsentiert, das mich sehr berührt hat, weil es genau die Fragen zu Heimat, Kulturalität und den Egoismus von Leitkulturen und Wertegemeinschaften gestellt hat, die ich mir auch schon zum Beispiel im Rahmen meiner Studien zur Interkulturalität an der Schule stelle. „Warum das Kind in der Polenta kocht“ von Aglaja Veteranyi ist so brutal, wie der Titel es schon verrät. Es ist wirklich brutal, und man hat der einzigen Schauspielerin auf der Bühne beim Schlussapplaus auch angesehen, dass es oft der Streit zwischen Realem und Idealen ist, der einen am meisten mitnehmen kann.

Aglaja Veteranyi war eine Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie wurde in Bukarest geboren und ist in Zirkuswagen aufgewachsen. Was ist ihre Heimat? Als Kind musste sie mit ihrer Familie über nationale Grenzen fliehen, ist in der Schweiz zur Schule gegangen. Die Schule hat ihr nicht gefallen. Ihre strengen Lehrerinnen wollten viel zu viel wissen. Sie konnte obendrein nur ein Wort in ihrer Sprache schreiben: KUSS. Dafür trug sie etwas Lippenstift auf und berührte das Blatt mit ihren Lippen. Sie war Analphabetin. Sie schreibt, ihre Heimat sei neben Mămăligă, einem traditionellen rumänischen Polentagericht, die Sprache und die Kommunikation gewesen. So spielten wohl für sie weniger Ländergrenzen als zwischenmenschliche Herausforderungen und Illusionen eine Rolle.

Die rumänische Schauspielerin und Mitarbeiterin des Goethe-Instituts Bukarest Edtih Alibec hat aus Veteranyis teils autobiografischem Werk „Warum das Kind in der Polenta kocht“ ein bezauberndes Integrationsstück gemacht und es im Teatrul Odeon aufgeführt. „Das Theaterstück stellt die Problematik der Identität und des Schicksals der Fremde vor, in einer Zeit, in der viele Menschen einerseits an vielen verschiedenen Orten zugleich zu Hause sind und andererseits nirgendwo in Wirklichkeit.“ Vielleicht lassen wir uns aber auch von einheitskultureller Romantik verunsichern, die von den Ketten nationaler Grenzen ausgeht und unsere Identität damit verknüpft. Das Flüchtige an der Heimat ist doch nur Begriffssache, oder?

Hier jedenfalls gibt es leckeres, rumänisches Essen, tolle Leute – aber es sind eben tolle, einzelne Leute. Eine Einheitskultur aller Rumän*innen oder Europäer*innen würde meine Vorstellungskraft übersteigen. Dafür verstehen die sich hier auch überhaupt nicht gut genug, ständig wird gehupt und die Vorfahrt genommen. Eher wird immer deutlicher, wie sehr westeuropäische Länder aus ihrer Illusion einer europäischen Kultur Profit schlagen. Aber das können wir ja mal in Ruhe diskutieren. Das Theaterstück war jedenfalls sehr aufschlussreich und berührend – und ich kann euch nur empfehlen, das mal im Hinterkopf zu behalten. Ich habe schon mal vorsichtig angefragt, ob wir es nicht nach Deutschland exportieren können, denn vor allem „wir“ (huch.. wir!?) können dabei viel lernen.

herastrau-gbWenn es dunkel wird, kommen viele aus ihren Löchern und tanzen auf den Straßen. Hier im Herastrau-Park ist es dagegen ruhig.

Und sonst so? Nächste Woche stehen hier die groooßen Deutsch-Prüfungen an. Das Goethe-Institut kooperiert mit unserer Schule und teilt Zertifikate über das nächsthöhere Sprachlevel aus an alle, die im Sprechen, Hören, Lesen und Schreiben konsequent und ohne viele Fehler Dinge präsentieren, kommentieren und aushandeln.

Selbst, wenn für uns offensichtlich ist, dass sie die Prüfung bestehen werden, ist das Risiko, durchzufallen, sehr präsent. Die Prüfungen kosten Geld, die Erwartungen vieler Eltern sind sehr hoch, das erzeugt Druck und Anstrengung, die vom Deutschlernen eher ablenken und eher Tränen als Geistesblitze erzeugen. Ich bin trotzdem frohen Mutes, weil die Vorbereitung an der Cosbuc-Schule erste Sahne ist und die meisten Schüler*innen in den Testgesprächen richtig gut abgeliefert haben. (Ich hörte, unsere Schule ist die achtbeste von Bukarest oder so? Habs nicht so ganz geschnallt, Quelle: Internet.)

Bukarest, das noch kurz, bevor ich mich & euch ins Wochenende verabschiede, habe ich auch als Stadt des Tanzens kennengelernt. So beeindruckend: Bei Facebook laden ein paar Barbetreiber*innen zum Tanz auf den Straßen ein – und am Abend quillt das Partyviertel Lipscani über (das übrigens auf Deutsch das Leipzig-Viertel heißt, hahaha, benannt nach den Händler*innen aus Leipzig, die hier in der Vergangenheit ihren Kram verkauft haben). Fremde Menschen tanzen, berühren sich dabei, lachen gemeinsam, springen im Kreis und freuen sich – das sind Dynamiken, die ich hier schon häufiger beobachten durfte. Ich bleib also noch ein Weilchen hier. Macht euch eine fantastische Woche!

Herzliche, beschwingte Grüße nach Deutschland und in die große, weite Welt!

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Ein herzliches Bună Ziua aus dem Land, in dem die Menschen Kuhmagen-Suppe essen, das R rrrollen können ohne sich zu verschlucken, in dem Chipstüten eine nachwachsende Ressource darstellen und heute die Schule wieder begonnen hat!

Letzten Donnerstag – wir hatten hier noch Osterferien – bin ich recht spontan nach Brașov getrampt, das auf deutsch Kronstadt heißt. Die Stadt liegt mitten in Transsylvanien, oder auch Siebenbürgen. Mit den herrschenden Königen, Landsherren und Mehrheiten haben viele rumänische Städte auch ihre Namen immer wieder mal gewechselt. So hieß Brașov auch mal Corona, Stephanopolis oder – gar nicht sooo lange her – Stalin-Stadt. Wo heute ein majestätischer hollywood-mäßiger Schriftzug auf dem Tâmpa-Berg auf die Stadt hinweist, hatte man damals den Schriftzug STALIN in den Berg „tätowiert“, also durch geschickte Baumbepflanzung sichtbar gemacht. Gar nicht so leicht, das wieder unsichtbar wachsen zu lassen, denn bloßes Bäumefällen hätte ja an der Erscheinung nicht viel verändert, wie mir ein alter Brașover mit langem, grauen Bart und Schafsfell-Weste auf dem Marktplatz erklärt hat. Heute ist Stalin hier aber verschwunden.

Etwas abseits der historisch vielfältigen Altstadt konnte ich endlich die Großstadtluft hinter mir lassen und ein paar Wander- und Frischlufttage in den schroffen Karpaten genießen. Was für ein tolles Gefühl, als Eichhörnchen, Frösche und Kühe auf dem Weg die einzigen Lebewesen waren, die ich getroffen habe und das Plätschern des Baches, die frische Luft und Kühe auf offener Straße mich begleitet haben!

Von Gustav (@gustav.b_) am

Auf den 1.800 Meter hohen Postăvarul-Gipfel bin ich tatsächlich gewandert, das waren etwa 750 Meter Höhenunterschied zum matschigen, nassen Schnee und traumhaft schönen Ausblick über die Wolken, die in den Karpatengipfeln hingen. Aber auch 750 Meter wieder runter, die mit einem Kabinenlift nur 2 Minuten gedauert haben. Also Leute, diesen Berg kann ich euch empfehlen! Und unten im Tal, einem im Winter sehr begehrten Ski-Domizil, gab es dann wieder eine leckere Rindermagen-Suppe (wollte ich erst nicht probieren (hab ich dann aber doch probiert (war okay))).

An einem anderen Tag bin ich nach Bran gefahren. Auf einem sandigen Weg, wie er typisch für rumänische Dörfer ist, bin ich einem Pferdekarren hinterhergelaufen, der gemütlich über die Steine geholpert ist, bis ich – mitten im Nirgendwo und doch mit Blick auf die Bransche Skyline und schneebedeckten Gipfel – in meiner Unterkunft angekommen bin. Bei Andreia gab es köstliche Rohkost und Eier von den Nachbarn. Mit ihr und ihrem Begleiter habe ich den ganzen Abend über Zeitreisen philosophiert.

Die ganze Wanderung hat sich angefühlt wie eine Zeitreise, dabei war es gar nicht so schwierig, nach Bran zu gelangen (was allein wegen der Bedingungen schon gegen eine Zeitreise spricht). Sicherlich sind euch allen die Sagen über Vampire und die Legende von Graf Dracula nach Bram Stoker ein Begriff. Demzufolge soll Dracula auf Schloss Bran residiert haben. Hat er aber nicht. Ebensowenig war Bram Stoker jemals in Bran. Die Figur geht anscheinend auf den realen Herrscher Vlad III Drăculea zurück, auch Vlad Țepeș (Vlad, der Pfähler) genannt. Sein Vater war Mitglied im Drachenorden von Kaiser Sigimund, und Drache heißt auf lateinisch „draco“, deshalb wurde sein Vater „Vlad Drăcul“ genannt und sein Sohn entsprechend „Vlad Drăculea“ (also lea = Sohn des…). Der war hier nur mal kurz zu Besuch. Und er war grausam, weil er sehr viele Menschen auf hölzernen Pfählen anusaufwärts aufgespießt hat – aber ein Vampir war er nicht.

Dracula persönlich hab ich im Schloss Bran also nicht angetroffen, dafür einige stinkwütende Amerikaner*innen, die sich laut darüber echauffiert haben, dass in dem ganzen Gemäuer nur auf einer einzigen Tafel überhaupt etwas mit Vampiren stand: nämlich, dass hier keine sind und auch nie welche waren.

20170429_164826-min Amerikanische Tourist*innen auf Schloss Bran. Noch wissen sie nicht, was sie nicht erwartet!

Was gibt es noch Schönes zu erzählen? Ach ja: Als hätte ich’s geahnt, war ich in Brașov, als das jährliche Stadtfest stattfnd. Da war die ganze Zeit Musik, die größten Glocken Rumäniens in der Schwarzen Kirche haben gebimmelt und es sind viele Burschen auf ihren Rössern durch die Altstadt, hauptsächlich durch die Straße der Republik geritten, um an die Gesellen- und Burschentradition der Gegend zu erinnern und sie aufrechtzuerhalten.

Das Wetter war weitgehend sonnig, nur an diesem Tag zeigte sich der Himmel trist und grau-in-grau. Die Höchsttemperaturen erreichten Werte bis 20 Grad. Der meist starke Wind erreichte im Bergland vereinzelt Sturmstärke. So sah das aus:

20170430_120538-min Ein Bursche auf einem Pferd, noch einer und ein Polizist in der Brașover Altstadt.

20170430_103055-min Nicht im Bild: der tolle Ausblick auf die 2.000er-Gipfel der Karpaten.

20170428_164223-min Hier hingegen scheint die Sonne wieder. Ich habe sogar eine ganz rote Nase! Obwohl ich extra eine sonnenresistente Zuckerwatte als UV-Schutz gegessen habe. Hat anscheinend nicht gut funktioniert.

Jetzt bin ich wieder in Bukarest, heute war der erste Schultag nach den Ferien. Alle sind müde, alle wollen ihre Ferien wiederhaben und ich hatte kurz ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich mich total darüber gefreut habe, dass endlich wieder Schule ist! Hurra, ich habe die Zivilisation wieder und sie mich!

Sonnige Grüße aus der Kuhmagen-Metropole nach Deutschland und in die weite Welt!

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