— GUSTAV BEYER

KW 18+19 | Wenn das Kind in der Polenta kocht

Jetzt herrscht Krieg. Allen pazifistischen Grundsätzen zum Trotz: Die nächste Taube, die auf meinen Balkon scheißt, schieße ich mit meiner Sarmale-Kanone ab. Nicht nur, dass diese Viecher nicht vor Hausfriedensbruch zurückschrecken; Seit der Frühling offiziell ausgebrochen ist, haben ein paar besonders extrovertierte Exemplare neben meinem Balkon (da, wo ich nicht rankomme), ein Liebesnest gebaut und vögeln und ächzen was das Zeug hält. 24/7. Da kann ich gar nicht mehr richtig das Hupen, den Straßen- und Baulärm und den rappelnden Aufzug im Treppenhaus genießen!

A pro pos Frühling: Wir haben hier immer noch April (trotz Mai). Es … es … ja, ich kanns gar nicht beschreiben. Es ist jedes Mal anders, wenn ich aus dem Fenster schaue.

Ein berühmtes, überschätztes Mantra der Feedbackgestaltung lautet, man solle erst etwas Positives sagen, bevor man mit dem Schlechten loslegt – ich hab das dieses Mal umgekehrt gemacht, um jetzt nur noch tolle, aufregende und positive Dinge erzählen zu können, die hier in den letzten 2 Wochen passiert sind.


Diese Statue steht vor dem Muzeul Național de Istorie a României. Letztens soll sie von einem ahnungslosen Touristen als „hässlich“ denunziert worden sein, gar als „deplatziert“ und „absonderlich“. Ich dagegen finde sie wunderschön.

Inzwischen weiß ich, wie hier die Straßen heißen. Auch wenn ich sie nicht aussprechen kann. Ich kenne meine Blocks und die der anderen. Ich habe einen umfangreichen Shaorma-Radius ausgehend von meiner Wohnung gezogen und spreche Ur-Bukarestiner*innen Empfehlungen aus, wo es die beste Pizza (innerhalb meines Horizontes) gibt.

Ich habe mit ein paar Freund*innen die meisten existenten Weinsorten durchprobiert, im Dauerregen gepicknickt, Fotos mit viel Blitz gemacht und ein bisschen Donner, und ich habe mehrere Kunst-, Geschichts- und Architekturmuseen besichtigt, damit wir das nicht mehr alles machen müssen, falls ihr kommt! 😉

cosbuc4jahr
Nur eines der zahlreichen künstlerischen Werke unserer Schüler*innen, die die zahlreichen Texte der ersten Ausgabe illustrieren sollen.

In der Schule laufen gerade mehrere heiße Phasen parallel: Auf dem Schulfest übernächste Woche soll die allererste Ausgabe der neuen Schulzeitung präsentiert werden! Dafür müssen natürlich Texte, Bilder und Layout produziert werden. Ich lasse produzieren und bin schon sehr gespannt, was meine ebenfalls gespannten Deutsch-Kolleginnen und ich da nächste Woche zur Korrektur vorgelegt bekommen. Das gesamte Magazin wird deutschsprachig sein und bildet eine Brücke zu anderen Schulen, die ebenfalls im PASCH-Netzwerk deutschsprachige Zeitungen mit lokalem Schwerpunkt erstellen.

Die Texte sind überwiegend bezaubernd. Weil das große Thema „die vier Jahreszeiten“ ist, lesen wir über den Einfluss des (meteorologischen – und sozialen) Klimas auf die Kunstgeschichte, über die verrrücktesten Sommermode-Auskopplungen, von einem philosophischen Streitgespräch über die Konkurrenz der Jahreszeiten untereinander und den Sonderstatus des egozentrischen Winters in der Jahreszeiten-WhatsApp-Gruppe… und natürlich viel über das Topthema der Zehnt- bis Zwölftklässler*innen: Herzschmerz. Ein Interview mit mir gibt’s auch. Ihr dürft gespannt sein, ich werde natürlich berichten.

Und dann hat das Projekt „FOKUS pe GERMANA“ ein wundervolles Theaterstück präsentiert, das mich sehr berührt hat, weil es genau die Fragen zu Heimat, Kulturalität und den Egoismus von Leitkulturen und Wertegemeinschaften gestellt hat, die ich mir auch schon zum Beispiel im Rahmen meiner Studien zur Interkulturalität an der Schule stelle. „Warum das Kind in der Polenta kocht“ von Aglaja Veteranyi ist so brutal, wie der Titel es schon verrät. Es ist wirklich brutal, und man hat der einzigen Schauspielerin auf der Bühne beim Schlussapplaus auch angesehen, dass es oft der Streit zwischen Realem und Idealen ist, der einen am meisten mitnehmen kann.

Aglaja Veteranyi war eine Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie wurde in Bukarest geboren und ist in Zirkuswagen aufgewachsen. Was ist ihre Heimat? Als Kind musste sie mit ihrer Familie über nationale Grenzen fliehen, ist in der Schweiz zur Schule gegangen. Die Schule hat ihr nicht gefallen. Ihre strengen Lehrerinnen wollten viel zu viel wissen. Sie konnte obendrein nur ein Wort in ihrer Sprache schreiben: KUSS. Dafür trug sie etwas Lippenstift auf und berührte das Blatt mit ihren Lippen. Sie war Analphabetin. Sie schreibt, ihre Heimat sei neben Mămăligă, einem traditionellen rumänischen Polentagericht, die Sprache und die Kommunikation gewesen. So spielten wohl für sie weniger Ländergrenzen als zwischenmenschliche Herausforderungen und Illusionen eine Rolle.

Die rumänische Schauspielerin und Mitarbeiterin des Goethe-Instituts Bukarest Edtih Alibec hat aus Veteranyis teils autobiografischem Werk „Warum das Kind in der Polenta kocht“ ein bezauberndes Integrationsstück gemacht und es im Teatrul Odeon aufgeführt. „Das Theaterstück stellt die Problematik der Identität und des Schicksals der Fremde vor, in einer Zeit, in der viele Menschen einerseits an vielen verschiedenen Orten zugleich zu Hause sind und andererseits nirgendwo in Wirklichkeit.“ Vielleicht lassen wir uns aber auch von einheitskultureller Romantik verunsichern, die von den Ketten nationaler Grenzen ausgeht und unsere Identität damit verknüpft. Das Flüchtige an der Heimat ist doch nur Begriffssache, oder?

Hier jedenfalls gibt es leckeres, rumänisches Essen, tolle Leute – aber es sind eben tolle, einzelne Leute. Eine Einheitskultur aller Rumän*innen oder Europäer*innen würde meine Vorstellungskraft übersteigen. Dafür verstehen die sich hier auch überhaupt nicht gut genug, ständig wird gehupt und die Vorfahrt genommen. Eher wird immer deutlicher, wie sehr westeuropäische Länder aus ihrer Illusion einer europäischen Kultur Profit schlagen. Aber das können wir ja mal in Ruhe diskutieren. Das Theaterstück war jedenfalls sehr aufschlussreich und berührend – und ich kann euch nur empfehlen, das mal im Hinterkopf zu behalten. Ich habe schon mal vorsichtig angefragt, ob wir es nicht nach Deutschland exportieren können, denn vor allem „wir“ (huch.. wir!?) können dabei viel lernen.

herastrau-gbWenn es dunkel wird, kommen viele aus ihren Löchern und tanzen auf den Straßen. Hier im Herastrau-Park ist es dagegen ruhig.

Und sonst so? Nächste Woche stehen hier die groooßen Deutsch-Prüfungen an. Das Goethe-Institut kooperiert mit unserer Schule und teilt Zertifikate über das nächsthöhere Sprachlevel aus an alle, die im Sprechen, Hören, Lesen und Schreiben konsequent und ohne viele Fehler Dinge präsentieren, kommentieren und aushandeln.

Selbst, wenn für uns offensichtlich ist, dass sie die Prüfung bestehen werden, ist das Risiko, durchzufallen, sehr präsent. Die Prüfungen kosten Geld, die Erwartungen vieler Eltern sind sehr hoch, das erzeugt Druck und Anstrengung, die vom Deutschlernen eher ablenken und eher Tränen als Geistesblitze erzeugen. Ich bin trotzdem frohen Mutes, weil die Vorbereitung an der Cosbuc-Schule erste Sahne ist und die meisten Schüler*innen in den Testgesprächen richtig gut abgeliefert haben. (Ich hörte, unsere Schule ist die achtbeste von Bukarest oder so? Habs nicht so ganz geschnallt, Quelle: Internet.)

Bukarest, das noch kurz, bevor ich mich & euch ins Wochenende verabschiede, habe ich auch als Stadt des Tanzens kennengelernt. So beeindruckend: Bei Facebook laden ein paar Barbetreiber*innen zum Tanz auf den Straßen ein – und am Abend quillt das Partyviertel Lipscani über (das übrigens auf Deutsch das Leipzig-Viertel heißt, hahaha, benannt nach den Händler*innen aus Leipzig, die hier in der Vergangenheit ihren Kram verkauft haben). Fremde Menschen tanzen, berühren sich dabei, lachen gemeinsam, springen im Kreis und freuen sich – das sind Dynamiken, die ich hier schon häufiger beobachten durfte. Ich bleib also noch ein Weilchen hier. Macht euch eine fantastische Woche!

Herzliche, beschwingte Grüße nach Deutschland und in die große, weite Welt!